Gemeinsame Verantwortung von Muslimen und Christen

 

aus

 

der Reihe „Muslime im Dialog“

 

 

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

„Sprecht: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns herabgesandt wurde, und was herabgesandt wurde zu Abraham, zu Ismail, Isaak und Jakob und seinen Kindern, und was gegeben wurde Moses und Jesus und allen anderen Propheten von ihrem Herrn: Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und Ihm ergeben wir uns.“ (Sure 2, Vers 135).

 

Das Leben auf unserer Erde ist heute mehr denn je bedroht: Moralische Dekadenz, ungezügeltes Konsumstreben, erschreckende Hochrüstung, kurzfristiges Wachstumsdenken und rücksichtsloser Kampf um die Ressourcen in aller Welt, ökologische Katastrophen, Verelendung, Hunger und Kriege in der „Dritten Welt“ sollten ausreichende Anzeichen dafür sein, alle religiös motivierten und vernünftigen Menschen zum gemeinsamen Handeln zu bewegen, ehe es zu spät dafür ist. Ihr Schweigen hieße, ihren religiösen bzw. menschlichen Auftrag zu verraten.

Welche gemeinsame Verantwortung tragen Christen und Muslime? Was können die Anhänger der religiösen Tradition und alle lebensbejahenden Menschen angesichts dieser unheilvollen Situation tun?

Jedem ehrlichen religiösen Streben geht es um die Erkenntnis der Wahrheit, des Absoluten. Diese Wahrheit kann aber nur eine sein. Die Anhänger einer religiösen Tradition können mit Anhängern einer anderen religiösen Tradition dann zu einem fruchtbaren gemeinsamen Handeln gelangen, wenn sie davon überzeugt sind, dass sie beide diese eine Wahrheit bezeugen. Dies heißt, enge und abgrenzende Konzepte und dogmatische Haarspaltereien zu verlassen und sich nicht im alleinigen Besitz der Wahrheit zu begreifen, sondern sich auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen, die sich in muslimischer und christlicher Überlieferung zahlreich feststellen lassen.

 

Gemeinsame Glaubensgrundlage

Die erste Gemeinsamkeit im Glauben der Muslime und Christen besteht in der Überzeugung von dem einen Gott, dem Schöpfer und Erhalter allen Seins. Diese transzendente Realität ist ohne Anfang und ohne Ende, steht über jeder menschlichen Vorstellung und schließt die Gesamtheit aller Vollkommenheiten in Sich ein: „Ich bin es, der Erste und Letzte. Hat doch Meine Hand die Erde gegründet und meine Rechte den Himmel ausgespannt. Rufe Ich sie, so stehen sie allzumal.“(Jesaja 48:12-13)

„Sein ist das Königreich der Himmel und der Erde. Er gibt Leben und Tod, und er vermag alle Dinge zu tun. Er ist der Erste und der Letzte, der Sichtbare und der Verborgene, und Er ist der Wisser aller Dinge. (Sure 57, Vers 2 und 3).

 

Die zweite Gemeinsamkeit spiegelt sich in der Überzeugung wider, dass Gott allein die Herrschaft über Himmel und Erde gebührt. Jesus und Muhammed (Friede sei mit ihnen) haben beide zur Anerkennung dieser Wahrheit aufgerufen. Kein Mensch sollte daher das Recht haben, über einen anderen zu herrschen. Vielmehr sollten Güte und Nächstenliebe die zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmen. So ist die Bevormundung eines Menschen durch einen anderen immer gegen den Glauben gerichtet und wirkt sich hemmend bei der Entwicklung des Menschen aus. Als das oberste Gebot in beiden religiösen Traditionen gilt: „Dem Herrn, deinem Gott sollst du huldigen und Ihm allein dienen.“ (Matthäus 4:10)

„Es geziemt einem Menschen nicht, wenn Gott ihm das Buch und die Herrschaft und das Prophetentum gibt, dass er zu den Leuten spricht: ´Seid meine Diener statt Gottes, sondern:´Seid einzig dem Herrn ergeben, da ihr ja Schrift lehrt und euch in sie vertieft.`“ (Sure 3, Vers 79).

 

Die dritte Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Religionen den Menschen als Wesen betrachten, dessen eigentliches Dasein in seiner immateriellen Existenz begründet liegt. Der Mensch wurde mit einem göttlichen Bewusstsein geschaffen, als Treuhänder Gottes, der selbstständig denken und frei entscheiden kann und daher für sich und seine Umwelt Verantwortung trägt: „Ihr wisst ja, dass die Erprobung eures Glaubens Standhaftigkeit bewirkt; die Standhaftigkeit aber soll sich im Werk vollenden, damit ihr vollkommen und untadelhaft seid und in nichts versagt.“(Jakobus 1:3-4)

„Und bei der Seele und ihrer Vollendung, Er gewährte ihr den Sinn für das, was für sie unrecht und was für sie rechtens ist.“(Sure 91, Verse 7 und 8)

 

Die vierte Gemeinsamkeit liegt darin, dass das Heil nicht im bloßen Verrichten religiöser Riten und Gebote gesehen wird. Nicht das religiöse Gebot ist entscheidend, sondern allein das Maß seiner moralischen Umsetzung. Das äußert sich darin, sich für den Nächsten einzusetzen und auf eine Gesellschaft hinzuwirken, in der Gerechtigkeit herrscht und die für das Wohl der Allgemeinheit eintritt. Denn, so heißt es: „ Wehe denen, die Gesetze des Unheils machen und den Schreibern, die nur Bedrückung schreiben, um die Schwachen vom Rechtsweg abzudrängen und die Armen meines Volkes ihrer Rechte zu berauben, so dass die Witwen ihre Beute werden und sie die Verwaisten plündern.“(Jesaja 10:1-2)

„Hast du nicht den gesehen, der die Religion lügenhaft nennt? Das ist der, der die Waise verstößt und nicht zur Speisung der Armen antreibt. So wehe denen, die Gebote sprechen, doch ihres Gebetes uneingedenk sind, die nur gesehen werden wollen und die kleinen Hilfen verweigern.“(Sure 107, Vers 1-7)

 

Die fünfte Gemeinsamkeit gründet auf der Offenbarung. Zur Unterstützung der menschlichen Vernunft hat die absolute Realität immer wieder Offenbarungen herabgesandt. Die Träger der Offenbarung waren Menschen überdurchschnittlicher Gesinnung, niemals aber Übermenschen. Als Propheten haben sie alle zu einer Reihe von einheitlichen Prinzipien aufgerufen; Differenzen darin haben alllein die Menschen verursacht: „Nehmet, liebe Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn.“(Jakobus 5:10)

„Und wir machten die Propheten zu Vorbildern, die auf unser Geheiß (die Menschen) rechtleiteten, und Wir gaben ihnen ein, Gutes zu tun, das Gebet zu verrichten und die Zakat zu zahlen. Und sie verehrten Uns allein.“(Sure 21, Vers 74)

 

Die sechste Gemeinsamkeit findet sich in dem Aufruf, die Lehre einladend darzustellen. Es ist nicht allein Aufgabe der Propheten, die Botschaft zu verkünden. Alle Gläubigen sollen das Wort Gottes an ihre Mitmenschen weitertragen: „Und werdet meine Zungen sein in Jerusalem... und bis an das Ende der Welt.“(Apg. 1:8)

„Und eifert in Gottes Sache, wie dafür geeifert werden soll... Er ist es, Der euch vordem schon gottergebene nannte und in diesem (heiligen Buch), damit der Gesandte euer Zeuge sei und ihr Zeugen für die Menschen seiet.“(Sure 22, Vers 79)

 

Gemeinsame Verantwortung

Natürlich weist der Qur'an darauf hin, dass im Laufe der Geschichte Auffassungen in die christliche Lehre Eingang gefunden haben, die sich von der ursprünglichen Botschaft Jesu unterscheiden. Ebenso wenig kann geleugnet werden, dass in den 14 Jahrhunderten muslimischer Geschichte die ursprünglichen islamischen Glaubensgrundsätze in der Praxis einige Kratzer erlitten haben. Gerade deshalb müssen sich heute Muslime, Christen und alle anderen gläubigen Menschen auf ihre gemeinsame Verantwortung besinnen, wie dem Ansturm der weltweiten Gottvergessenheit zu begegnen ist. Der Mensch des technischen Zeitalters wird von der Gleichgültigkeit gegenüber den geistigen Dimensionen des Lebens und daher vielfach von egoistischer Rücksichtslosigkeit beherrscht: Entfremdung vom eigenen Selbst und Ausbeutung der „Dritten Welt“ sind die Folgen. Für alle gläubigen und vernünftigen Menschen gilt es daher zunächst, die Ursachen zu erforschen, warum sich so viele Menschen zu jenen Scheinwerten einer trügerischen Konsumwelt hingezogen fühlen. Leider verschließen sich noch immer einige religiöse Gelehrte den Erkenntnissen der modernen Sozialwissenschaften und der Anthropologie; wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht umgesetzt. Es reicht nicht, Moral zu predigen, sie muss in der heutigen Zeit verwirklicht und vorgelebt werden. Religiöse Menschen aller Traditionen müssen heute im individuellen wie gesellschaftlichen Leben Vorbilder sein.

Die heutige Welt ist vor allem in die reichen Nationen des Nordens und die armen Völker des Südens geteilt. Eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung und globale Strukturen der Macht bestimmen die politische, wirtschaftliche, und kulturelle Ordnung der meisten Länder. Die Unterdrückung und Armut in einem Land kann daher nicht länger innerhalb eigener Grenzen, sondern nur weltweit beseitigt werden. Schon heute befinden sich 85% des Reichtums der Welt in den Händen von 15% der Weltbevölkerung, und diese negative Bilanz verschiebt sich weiterhin zu ungunsten der Armen. Dieses Ungleichgewicht wird sich verschlimmern, solange die politische Macht nicht der freien Wahl und Mitbestimmung der Menschen unterstellt wird und Glaube und Moral nicht ihre Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Die Schöpfung Gottes muss von allen Mächten außer Gott befreit werden, denn die Botschaft des Glaubens an den einen Gott kann nicht vermittelt werden, solange die Urheber von Willkür und Gewalt nicht an ihrem Tun gehindert werden.

Alle Propheten befanden sich in gewisser Weise in einem Widerstandskampf. Prophet Muhammed (Friede sei mit ihm und seinen Nachkommen) musste sich viele Jahre gegen übermächtige Widersacher verteidigen. Zu Lebzeiten Jesu (Friede sei mit ihm) war ebenso die Rede vom Widerstand gegen Unrecht und Fremdbestimmung.

 

Muslime, Christen und alle gläubigen und einsichtigen Menschen müssen sich angesichts der weltweiten Bedrohung auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen und sich dafür einsetzen, dass sie, ihre Geistlichen und religiösen Organisationen zunehmend zu Sprechern und natürlichen Verbündeten der Schwachen und Benachteiligten werden. Moscheen, Kirchen und alle Gotteshäuser sollten zu Stützpunkten der Entrechteten werden. Muslime wie Christen dürfen sich nicht auf die Seite der Macht, des Geldes und der Gewalt stellen, sonst laufen sie Gefahr, ihre Religion modernen Götzen zu opfern und nicht in den Dienst des gemeinsamen einen Gottes zu stellen. 

©IZHamburg

 

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Dienstag, 15.Mai 2012

23.Dschumada al-Thani 1433